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Stimmen aus dem Off: Wie sich Agenturen künftig aufstellen sollten und warum Digitalisierung nicht überall das „New Normal“ wird

Viele Unternehmen stellen ihre Marketingaktivitäten auf den Prüfstand. Warum Agenturen dennoch eine Zukunft haben und was sie dafür tun müssen: Ein Gespräch mit Hochschulprofessorin und Beraterin Prof. Dr. Meike Terstiege.

Meike, du vermittelst mit deinem Unternehmen @DOCMARKETEER Agenturen an Unternehmen, die nach digitalen und strategischen Marketing-Dienstleistern suchen. Wie hat sich die Corona-Krise auf die Agenturvermittlung ausgewirkt?

Bei einem Teil der Kunden ist das natürlich jetzt erst einmal fast zum Erliegen gekommen. Ganz interessant hierbei: Es lässt sich eine Drittelung beobachten. Ein Teil der Kunden, die ich auch teilweise selbst Marketing-strategisch berate, haben keine Budget-Probleme und arbeiten weiter wie zuvor. Diese Kunden sind sich der Krise und der angespannten Situation bewusst, merken aber auch, dass deren Branche durch die Krise nicht wirklich belastet ist und entscheiden sich aufgrund dessen mit gemeinsamen Projekten und der Suche nach einer passenden Agentur weiterzumachen.

Ein weiterer Teil von Kunden reagiert fast panisch und entscheidet sich für einen Shutdown und das Runterfahren der Budgets auf null. Das ist ja jetzt auch nicht sonderlich überraschend, wenn man sich anschaut, dass Airbnb, Coca-Cola und Lufthansa ihre Marketing Budgets auf null herunterfahren.

Das wirklich Spannende zeigt sich im dritten Bereich. Diese Kunden entscheiden sich für ein Aufrechterhalten der Arbeit, wenn auch in teils reduziertem Maße, wählen hierbei aber einen neuen Weg und setzen jetzt komplett andere Projekte um. Fokus liegt hierbei auf mehr Effizienz und mehr Digitalisierung. Ganz viele Kunden melden sich derzeit bei mir und wollen die Krise als Chance begreifen und jetzt mit digitalem Marketing anfangen, sich neu aufstellen und alle Maßnahmen hinsichtlich Effizienz hinterfragen.

Du hast drei verschiedene Bereiche angesprochen. Kannst du Branchen nennen, die sich dahinter verbergen?

Das ist zum Beispiel die Logistik. Diese Branche war bereits finanziell gut aufgestellt und befindet sich zwar in einer sportlichen, aber auch weiterhin komfortablen Position, den derzeitigen Digitalisierungsschub nutzen zu können. Nicht von Entlassungen betroffen zu sein lässt die Situation hier klar als Treiber fungieren.

Ebenfalls kann man das Finanz- und Versicherungswesen nennen. Da sieht man auch das Bestreben, den Schwung der Digitalisierung nutzen zu wollen. Betrachtet man die Krise als Treiber hinsichtlich der Überprüfung von Effizienz und natürlich der Digitalisierung, sind die Unternehmen des Bereichs Automotive positiv hervorzuheben.

Im Bereich Automobile, das muss ich ganz deutlich so sagen, hat man den „Schuss“ der Digitalisierung noch immer nicht gehört – oder verstanden. Sonst wären jetzt auch nicht Kaufprämien und Kaufanreize für Benziner oder Diesel in der Diskussion. Man hat den Eindruck: Man könnte, aber man will anscheinend nicht. Man verharrt in alten Strukturen. Automobilzulieferer, also der Automotive-Bereich, verhalten sich einfach smarter, sind flexibler und haben meiner Erfahrung nach einen anderen, bereits digitaleren Horizont. Auf der Basis dessen zeigen sie sich aktiv, verändern jetzt Geschäftsmodelle und passen flexibel Service- und Produktportfolio an.

Wie sehen denn die Veränderungen aus und warum glaubst du, dass Daimler, VW und Co. zwar „könnten, aber nicht wollen”?

Es ist letztlich eine Art kultureller Denke und Mindset. Man geht davon aus, dass der Deutsche auch künftig immer einen „ordentlichen Benz“ vor der Tür stehen haben möchte. Genau das bekommt man aus einigen Köpfen, gerade ab dem mittleren bis zum höheren Management, anscheinend nicht raus.

Nüchtern betrachtet hat das folgenden Grund: Treibt man jetzt die Digitalisierung, eMobility etc. voran, dann gehen erstmal die Aktienwerte in den Keller. Die Geschäftsführung wird ja nicht dafür gelobt oder bekommt gar einen Bonus dafür, dass sie nach fünf oder zehn Jahren für das Unternehmen die Digitalisierung und eMobility umgesetzt hat. Man wird für die Performance des laufenden und künftigen Jahres bewertet. Also habe ich als Geschäftsführung gar nicht unbedingt das Interesse, jetzt das Ruder herumzureißen, wenn die Nachfolger in ein paar Jahren die Früchte der eigenen Arbeit ernten und man selbst währenddessen für “wagemutige” Schritte in Richtung Digitalisierung und eMobility nur Kritik erntet.

Siehst du die Gefahr, dass sich das langfristig rächen wird?

Meines Erachtens wird sich das nicht langfristig, sondern bereits mittelfristig rächen. Wenn ich mit jungen Talenten, mit Universitäts-Alumni oder mit Young Professionals, alle zwischen Mitte 20 und Anfang 30, spreche, dann ist meine Einschätzung, dass ich jetzt nicht mehr unbedingt bei einem deutschen Automobilhersteller anfangen würde. Ich würde im Automotive-Bereich anfangen, weil man sich dort als Berufseinsteiger eine gewisse Flexibilität und einen Horizont im Lebenslauf erarbeitet. Aber, dass Eltern sagen ‚meine Tochter oder mein Sohn fängt nach der Uni bei Daimler an, das ist ein super Job, der sehr sicher ist‘, davon möchte ich in nächster Zeit eher Abstand nehmen.

Weil die Versäumnisse zu Problemen führen werden?

Wir sehen jetzt die Luftfahrtbranche in der Krise, auch wenn das im höchsten Grade Covid-19 geschuldet ist, aber nichtsdestotrotz hatten wir vor Corona eine ganz starke Klimaschutz-Diskussion. Und dieses Thema lässt sich nicht wegdiskutieren. Die Gesellschaft ändert sich und ihr Mindset. Ich muss als junger Mensch oder auch als Erwachsener keine eigenes „Status-Auto“ vor der Tür stehen haben und darauf muss man in der Automobilbranche reagieren.

Alle positionieren sich als Mobilitätsanbieter, entwickeln Mobilitätskonzepte. Wenn dabei aber nur der nächste SUV rauskommt, dann ändert sich einfach nichts. Ich bin Auto-Fan, aber rein aus Marketing- und wirtschaftlicher Perspektive kann ich nur sagen: Die Automobil-Branche hat den Geist der Zeit und der Entwicklung erst verschlafen und jetzt negiert.

Mit Blick auf die Agentur-Vermittlung sieht man auch höchst spannende Entwicklungen. Normalerweise sind Agenturen sehr an Kunden aus dem Bereich Automobile interessiert. Das hat sich jetzt auch teils geändert. Die Agenturen merken, diese Kunden sind sehr anspruchsvoll, dafür in der Budgetierung „Spitz auf Knopf“. Da verändert sich auch das Anspruchsverhalten der Agenturen. Nur weil eine Automarke anruft, stehen Agenturen nicht mehr sofort „Gewehr bei Fuß“.

Wird die Automobil-Branche also im Worst Case unter Betreuungsmangel leiden?

So katastrophal wird es wohl nie werden. Wenn bspw. ein VW anklopft, wird keiner ‚nein‘ sagen. Die Türen aber werden nicht mehr ganz so euphorisch aufgerissen, wie das bisher der Fall war. Die Entwicklungen zeigen, dass sich Großkonzerne, u.a. auch Automobilhersteller, ganze Agenturen oder Agentur-Teams kaufen. Gerade in Stuttgart wurde beispielsweise die Digital-Agentur Diconium von VW übernommen.

Welche Strategie steckt dahinter? Will man die Kompetenz inhouse erhöhen?

Ja, finde ich auch clever. Nur hat inhouse immer auch etwas von Elfenbeinturm und innen gerichteter Sicht. Das ist ja gerade das Schöne, dass man externe Berater engagiert, um frischen Gedankenwind zu erhalten und eine andere Perspektive aufgezeigt bekommt. Einfach mal eine Diskussion führen zu können und nicht mainstreamig in Richtung ‚Wir sind eine Firma und alle denken dasselbe‘. Ich kann es u.a. aus Sicht der Effizienz verstehen, dass Unternehmen gerne verstärkt inhouse arbeiten. Es geht aber auch sehr viel Esprit sowie kreativer Input verloren.

Richten wir den Blick ganz konkret aufs Marketing. Was macht denn für dich gutes Marketing in Zeiten der Krise aus?

Ich beginne mit dem Worst Case. Marktforschungsergebnisse et cetera spiegeln es klar wider: Die Leute können einfach keine ‚Danke-Spots‘, ‚Wir-Halten-Zusammen-Spots‘ und ‚Wir-Singen-Gemeinsam-Spots‘ mehr sehen. Das wirkte am Anfang der Krise empathisch, sensibel und passend. Wenn diese Art von Werbebotschaften aber nun scheinbar wahllos von gefühlt allen Unternehmen aller Branchen verfolgt werden, ist das wenig unique.

Diese Botschaften sind mittlerweile an generischer Aufbereitung nicht mehr zu überbieten. Das ist für mich mittlerweile Worst Case in Bezug auf Marketing. Der Zuschauer kann einfach nicht mehr unterscheiden, ob der Absender eines solchen Spots der Hersteller eines Schokoriegels oder ein Versicherungskonzern ist. Die Spots sind unterm Strich alle gleich. Es ist jetzt auch gleichzeitig eine Herausforderung, die Leute zum Kauf oder dazu zu animieren, sich mit Marken zu beschäftigen.

Das aktuelle Marketing sollte sensibel sein, sollte mit Fingerspitzengefühl und zuversichtlich an die Konsumenten herangehen. Jetzt kommunikativ zu signalisieren, dass die Krise vorbei ist und wieder gefälligst neue Autos oder ein neuer Fernseher gekauft werden soll, ist nicht gerade ratsam.

Es geht im Moment vor allem auch darum, Konsumenten zu binden. Letztendlich so zu tun, als wäre alles wieder normal und davon auszugehen, dass die Menschen hinsichtlich des Konsums wieder aus dem Vollen schöpfen können, wäre fatal. Im Moment geht es um Kundenbindung, um individuelle Angebote und teilweise natürlich auch ganz viel um größtenteils geradezu „marktschreierische“ Discounts. Es wird eine Preisreduktionswelle auf uns zukommen, die ihresgleichen noch nicht gesehen hat. Gutes Marketing bedeutet aktuell auch, sich als werbetreibendes Unternehmen anzuschauen, welche Maßnahmen effizient sind, welche Art von Marketing-Kommunikation, digital und analog, funktioniert. Auf was können wir verzichten und welche Marketingmaßnahmen sind derzeit aus Sicht der Verbraucher nicht nachvollziehbar?

Heikles Thema, aber zum Beispiel Sponsoring im Fußball. Hier gibt es jetzt ein paar Aktivitäten, die man unter dem Gesichtspunkt der Sensibilität hinterfragen müsste. Wenn Kunden bspw. sehen, dass Adidas Fußballclubs mit horrenden Geldsummen sponsert, derzeit selbst aber z.B. in Kurzarbeit sind und dann Nachrichten wie ‚Adidas will Miete aussetzen‘ hören, dann ist das äußerst unklug und unsensibel für das Unternehmen und die Marke. Da muss man sehr achtsam sein und viel in „Wieder-gut-mach´”-PR investieren.

Also einfach, um die Außenwirkung wieder zurecht zu rücken?

PR ist aktuell ein extrem relevantes Marketing-Tool. Zum einen, um ein ins Wanken gekommenes Unternehmensimage wieder gerade zu rücken, z.B. Deichmann oder Adidas, die in der Krise bislang nicht immer ein glückliches Händchen hatten. Zum anderen, um auf eine weniger werbliche und eher subtilere Markenkommunikation zu betreiben – anstelle klassischer analoger und digitaler Marketinginstrumente.

Drastisch gekürzte oder komplett eingestellte Werbebudgets – viele Meldungen dieser Art gingen in den vergangenen Wochen durch die Presse. Siehst du das als Gefahr? Also, dass man in Vergessenheit gerät?

Für Airbnb, Coca-Cola und Co. wird es kein Problem sein, die großen Marken werden nicht vergessen. Sie tauchen jedoch irgendwann aus dem Off wieder auf. Das kann Verbraucher irritieren: ‚Während Covid-19 haben wir nichts von euch gehört und jetzt kommt ihr wieder mit „Nutze meine Marke, kaufe meine Marke“: Es wirkt auf den Verbraucher verwirrend und inkonsequent. Auf der anderen Seite schwächt es natürlich auch die Position des Marketings im Konzern. Als Vertrieb oder Controlling könnte man argumentieren: ‚Ihr (das Marketing) wart doch die, auf die wir in der Krise am ehesten bzw. am leichtesten verzichten konnten, euch haben wir direkt die Budgets gekürzt.‘ Diese Diskussion möchte ich als Marketingverantwortlicher eines Unternehmens nicht führen müssen.

Die Digitalisierung hat durch die Krise in vielen Branchen einen Schub bekommen. Welche Auswirkungen hatte dies deiner Erfahrung zufolge in den Unternehmen?

Da sehe ich zwei Parteien. Es gibt die Unternehmen, welche der Digitalisierung bereits vor der Krise generell offen gegenüberstanden. Auch hinsichtlich digitaler Arbeit und digitaler Prozesse. Die Erkenntnis wurde erlangt: Das funktioniert schneller, effizienter, teilweise auch so gut wie face-to-face, wenn wir digital arbeiten. In diesen Fällen wird die Krisen-Situation ein weiterer Treiber der Digitalisierung sein.

Es gibt aber genauso viele Unternehmen, die der Situation konträr gegenüberstehen. Aufgrund von Corona wurde zwar gezwungenermaßen digitalisiert, jetzt nach Ende des Lockdown´ heißt es jedoch wieder “back to the 50ies”, bitte wieder analog. All das hat ganz einfach etwas mit Unternehmens- und Führungskultur zu tun.

Es gibt immer noch zu viele Manager, die ihre Angestellten im Büro sitzen haben wollen. Sie wollen aus ihrem Büro schauen und sehen, dass ihre „Arbeitsbienen“ arbeiten. Deshalb kann man leider nicht pauschalisieren und sagen, dass Digitalisierung jetzt überall auf dem Vormarsch ist. Hinsichtlich zahlreicher Themen wünschen sich einige Firmen, auch bedingt durch die Unternehmenskultur, wieder die 50er oder 60er Jahre zurück. Alles was aufgrund der Krise digital kommuniziert oder digital im Marketing umgesetzt wurde, wird dann wieder auf analog zurückgeführt.

Bedeutet also, dass es aus deiner Sicht teilweise nicht nur um die Rückabwicklung von beispielsweise Homeoffice geht, sondern auch Marketingaktivitäten wieder „klassischer“ umgesetzt werden sollen?

In Zeiten von Homeoffice und Lockdown war die Zielgruppe zum Teil nur digital zu erreichen. Also wurden teilweise recht sinnentleert und wenig strategisch beispielsweise Banner geschalten, Websites optimiert oder auf eCommerce umgestellt. Unterm Strich werden Teile dieser Investments wieder auf analog, also offline, umgestellt.

Richten wir den Blick auf die Zusammenarbeit von Marketingabteilungen und Agenturen. Welche Rolle spielen deiner Erfahrung nach Agenturen für Unternehmen in der Krise?

Ich sehe da verschiedene Facetten. Ganz viele Unternehmen, und das finde ich auch toll und das einzig Sinnvolle, sind der Meinung: Wenn nicht jetzt die Zeit für eine wahre Partnerschaft mit der Agentur ist, dann niemals. Im Grunde genommen ist das mentale Zusammenrücken und das ‚Sich-als-Partner-verstehen‘ gerade sehr im Kommen. Das funktioniert auch sehr gut, weil sich die Agenturen ganz anders wertgeschätzt fühlen. Natürlich gibt es auch Unternehmen, die sehr genau rechnen, weil z.B. kurzgearbeitet wird, Entlassungen anstehen oder Aktienkurse sinken. Hier werden Agenturen oft im wahrsten Sinne des Wortes “ausgequetscht”.

Aber grundsätzlich siehst du einen positiven Trend?

Meiner Erfahrung nach gehören in etwa 70% zu den “Guten”, die in dem partnerschaftlichen Miteinander mit Agenturen einen Mehrwert sehen – und ca. 30% sehen in “ihren” Agenturen Dienstleister oder gar nur Befehlsempfänger.

Warum muss man den Dienstleister den Status des Dienstleisters auch unbedingt spüren lassen?

Hier geht es ganz klar um Effizienz! Effizienz wird in Kosten/Nutzen/Leistung und in Excel-Sheets gedacht und dargestellt. Effizienz hat aber im Marketing- und Werbebereich auch etwas mit Inspiration, Kreation und Diskussion zu tun. Also einen geistigen Mehrwert, den man im Austausch mit Mitarbeitern der Agentur bekommt. Auspressen bis auf den letzten Cent ist meist allein Procuring und Controlling geschuldet. Das ist nachvollziehbar und teilweise auch legitim. Nur ist teilweise dann die Art der Zusammenarbeit etwas inadäquat bis sogar rüde.

Bedeutet ja, man kann in einer besseren Atmosphäre auch bessere Ergebnisse erzielen.

Letztendlich ist es so. Selbst wenn man ein gutes Rennpferd nur peitscht, wird es keine Höchstleistung bringen.

Der Auswahlprozess von Agenturen spielt ja eine entscheidende Rolle. Haben Unternehmen einen Vorteil, die in diesem Prozess das „Wie“, also die Arbeitsweise (Stichwort Chemistry) dem „Was“, also dem Ergebnis der Arbeit, eher bevorzugt haben? Enges Zusammenarbeiten und Kreativität auf Speed sind während der Krise immerhin extrem von Bedeutung.

Letztendlich sind die Unternehmen in der Agentur-Kooperation im Vorteil, die es durch einen partnerschaftlichen Austausch geschafft haben, dass die Agentur das Unternehmen als Partner versteht. Wenn ich also vor der Krise oder in der Krise zugelassen habe, dass der Agentur-Partner Insights über mich als Unternehmen, zu meiner Kultur, zu meinem Portfolio et cetera gewinnt, kann eine Botschaft viel besser nach außen transportiert werden. Das ist auf jeden Fall ein Vorteil.

Eine sehr offene Frage, die mich dennoch stark interessiert. Welche Chance bietet denn die Krise für das Marketing aus deiner Sicht?

Zuerst einmal Effizienzcheck und ‑optimierung: Jetzt, in Zeiten, in denen die Budgets deutlich begrenzt sind, ist eine gute Zeit zu hinterfragen, welche Maßnahmen sich überhaupt lohnen und welche nicht. Sehr vereinfacht in Schubladen gesprochen, haben viele Unternehmen bislang aus dem Vollen geschöpft und einfach Marketing gemacht. In den meisten Fällen sicher auch mit Sinn und Verstand, aber nicht unbedingt super effizient. Genau hier kommen jetzt Effizienz-Checks, Optimierung und natürlich auch KPIs zum Tragen. Ich sage meinen Kunden immer: Gebt keinen Euro für Marketingmaßnahmen aus, wenn ihr diese Maßnahmen nicht messen könnt. Das traf bisher meistens schon auf offene Ohren, durch die Krise wurden die letzten Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Effizienzchecks und Marketingcontrolling beseitigt. Jetzt ist das Thema KPI ganz wichtig.

Dann unbedingt Omnichannel: Das zweite Thema, und das sehe ich wirklich als Chance, ist das Thema Omnichannel. Ganz viele Unternehmen beschäftigen sich noch gar nicht damit. Viele sind im Multichannel und Crosschannel gefangen. Das ist ein guter Ansatz und besser als nichts, aber eigentlich ist all das schon längst überholt. Deshalb sage ich: Wenn derzeit nicht unbedingt neue Kampagnen gestartet werden, dann sollte man versuchen bisheriges in den Omnichannel-Ansatz zu integrieren. Es geht darum, dass Marketing und Vertrieb, sowohl analog als auch digital, überall die gleiche Botschaft, die gleichen Kommunikationsinhalte übertragen. Das ist momentan eine Chance, da sich der Einsatz finanzieller Ressourcen in Grenzen hält. Eingesetzt wird vielmehr geistiger Input, um zu überlegen und festzusetzen, wie man alles miteinander vernetzen und verzahnen kann.

Also kurz gesagt: Effizienz-Check, Effizienz-Optimierung, inkl. KPIs und Omnichannel-Integration sind die derzeit bedeutendsten Chancen für das Marketing.

Soweit zu den Chancen für das Marketing. Unabhängig von Corona gab es in den letzten Jahren Entwicklungen dahingehend, dass sich Beratungsunternehmen ganze Agenturen gekauft haben. Wie siehst du die künftige die Rolle von Agenturen? Brauchen Agenturen Beratungskompetenz, um Schritt halten zu können?

Es gibt verschiedene Ansätze. BBDO hat beispielsweise eine eigene Unternehmensberatung. Hier ist die Struktur: Eine Agentur mit kooperierender Unternehmensberatung. Das halte ich für einen sehr guten Ansatz. Diese Zusammensetzung hat allerdings für viele auf Unternehmensseite oftmals den Beigeschmack, dass hier Mitarbeitende einer Agentur so tun, als seien sie Unternehmensberater. Da geht es dann ganz klar darum, sich als Unternehmensberater auf Seiten der Agentur zu profilieren und klarzustellen, dass sie keine Werber, sondern Berater sind. Das sollte aber machbar sein.

Mit Blick auf mein eigenes Agenturnetzwerk kann ich sagen: Jeder zweite Agenturmitarbeiter ab einem bestimmten Erfahrungslevel hat ein Angebot von einer klassischen Beratung auf dem Tisch. Teilweise erscheint das Arbeiten in einer Beratung auch sehr verführerisch, denn zum Teil bringt das andere Arbeitszeiten, vor allen Dingen aber ein anderes Salär mit sich. Aber nur, weil sich die klassischen Beratungen Kreative einkaufen, sind diese Beratungen an sich noch lange nicht kreativ. Demensprechend ist die Chance von Agenturen: Wir stehen weiterhin für Ideen, Insights und für Horizont. Da muss man sich als Agentur sehr stark abgrenzen, denn wenn alle Agenturen und Beratungen, hinsichtlich Consulting und Kreation, irgendwann die eierlegende Wollmilchsau sein wollen, ist das wenig zielführend.

Heißt, das Fokussieren auf eine Kernkompetenz kann hier zielführend sein?

Kernkompetenz ja, aber gleichzeitig auch andere Dinge weiterentwickeln. Im Hinblick auf den Beratungsansatz sehe ich das ganze Thema Marketing, Omnichannel und auch Vertrieb teilweise bei Agenturen. Und vor allem im Bereich digitale Medien und Werbung können und müssen sich Agenturen profilieren.

Vor allem bei mittelständischen und kleineren Beratungen nehme ich verstärkt wahr, dass Marketing und Vertrieb als Einheit begriffen wird. Diese Beratungen betrachten Marketing und Vertrieb stets als Einheit. Das ist ein cleverer und sehr guter Ansatz.

Weitere wichtige Themen sind natürlich auch Business Intelligence, Data Strategy und Big Data. Damit werden bereits jetzt teilweise offene Türen eingerannt. Eine Beratung, die sich um die Daten des Kunden kümmert und dies als Grundlage zur Vertriebsunterstützung sieht, hat künftig gute Chancen.

Auf Marketinginput wird seitens der Budgets in Zukunft vermutlich etwas verzichtet werden, im Moment teilweise sogar ganz. Vertriebsbudgets werden aber im Vergleich nicht so stark gekürzt werden wie das Marketing. Dementsprechend ist die Einflugschneise bei der Akquise seitens Agenturen über das Thema Vertrieb viel erfolgsversprechender. Legt man das zugrunde, sollten auch Agenturen überlegen, ob sie vielleicht Vertriebsangebote machen können. Dabei geht es nicht um Marketing im Sinne von ‚bunte Bilder‘, sondern um Marketing, das Unternehmen beim Vertrieb unterstützt.

Zum Abschluss bitte ich dich um einen Ausblick. Was lässt dich denn positiv in die Zukunft blicken?

Digitalisierung und Emotionalisierung – also die vor allem digitale Customer Experience sind die Trends in der Krise und in Zukunft. Und für die Emotionalisierung werden weiterhin Agenturen verantwortlich sein.

Eine Beratung wie die Boston-Consulting-Group (BCG) schafft mit Sicherheit eine perfekte Digitalisierungsstrategie, Data Strategy und Co. Aber mit Sicherheit nicht Emotionalisierung. Auch nicht, wenn sie sich in absehbarer Zeit Kreative einkaufen werden. Man braucht für Kreativität einfach eine entsprechende Unternehmenskultur, ein entsprechendes Unternehmensumfeld. Für Agenturen ist also definitiv interessant: Wir setzen auf Digitalisierung und Emotionalisierung. Eine Beratung kann das auch versuchen, wird das aber nie so exzellent hinbekommen. Und es wird die Zeit wiederkommen, wo es für Marken um fesseln und begeistern geht.

Bei der Betrachtung von Chancen geht es auch hier final um Omnichannel. Hier müssen Agenturen Konzepte anbieten, dahingehend auch „Omnichannel“ denken, handeln, planen – und adäquate Bild- und Videoinhalte konzipieren und diese schlussendlich auch implementieren können. Das Glücklichmach-Omnichannel-Paket für werbetreibende Unternehmen, darum geht es.

Über Prof. Dr. Meike Terstiege

Prof. Dr. Meike Terstiege ist Inhaberin der Düsseldorfer Beratungsfirma @DOCMARKETEER sowie Buchautorin, lehrt an der International School of Management (ISM) digitales und strategisches Marketing und verfügt über Erfahrung auf Unternehmensseite, sowohl bei Unternehmen (u.a. Henkel und Generali) als auch auf Agenturseite (u.a. BBDO, Ogilvy). Mit @DOCMARKETEER vermittelt Terstiege Agenturen an Unternehmen, die nach digitalen oder strategischen Marketing-Dienstleistern suchen.