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Die DU-Revolution

Das Sie macht alt. Das Sie baut Distanz auf. Brauchen wir das Sie überhaupt noch? Lies jetzt, warum es Zeit wird unsere Sprache zu revolutionieren. Und wie du Teil dieser Revolution werden kannst.

Wenn Konvention zum Klotz am Bein wird

Wir sind weiter voneinander entfernt denn je. Trotzdem erhalten wir intime Einsichten. Die Regierung bittet uns zu Hause zu bleiben. Die Kaffeepause mit Kollegen findet virtuell statt. Beim Wocheneinkauf herrschen strenge Richtlinien. Home Office wird nicht mehr als Incentive für Mitarbeiter gehandhabt, sondern als omnipräsente Krisenreaktion. Und da die Liebe nicht nur im Detail, sondern auch in der Veränderung steckt, rücken die Menschen zusammen.

Es sind die kleinen Dinge. Wir wissen nun, wie das Schlafzimmer unseres Chefs eingerichtet ist. Wir sehen Kinder, die sich Dosentelefone von Fenster zu Fenster werfen, um sich Geschichten zu erzählen. Wir lauschen berührt dem tobenden Dankes-Applaus von den Dächern unserer Stadt. In Zeiten von Kontaktverbot entsteht Sehnsucht nach Nähe und Berührung. Und trotzdem steht uns etwas dabei fürchterlich im Weg. Nicht das Kontaktverbot. Nein, es ist etwas Essenzielleres. Etwas, das tief in unserer Sprache verwurzelt ist und uns daran hindert, wahre Nähe aufzubauen. Es ist das Sie.

Hey SIE, du kannst uns mal!

Wir sind eine Kreativagentur. Wir haben uns dazu entschieden, in unserem Berufsalltag niemanden mehr zu siezen. Keine Kollegen. Keine Kunden. Keine Supplier. Niemanden. Gerade deswegen spüren wir es umso deutlicher, falls das Sie dann doch mal aufkommt.

Wir haben erlebt, wo uns das Du hinbringt. Es ist Teil unserer Unternehmensphilosophie geworden. Dabei geht es nicht darum als schwäbische Agentur mit dem hippen Berlin Start-Up Lifestyle mitzuhalten. Es geht darum unsere Sprache als Werkzeug zu nutzen, um das Wichtigste in den Fokus zu rücken: Das Miteinander im Team.

Wir wissen, kein König regiert das Land allein. Wir wissen: Je stärker das Team, desto besser ist jeder Einzelne. Und wir wissen, dass hierarchisches Regententum in unserer Welt keinen Platz und keine Zukunft hat.

Wir sind davon überzeugt, dass jede Beziehung auf stabilerem Fundament steht, wenn sie auf Augenhöhe stattfindet – sei sie geschäftlich, unter Freunden oder beim Zahnarzt. Und „Duzen“ ist dafür der Schlüssel.

Deshalb ist es Zeit für die Du-Revolution. Wir stellen dabei etwas ganz Grundsätzliches in Frage: nicht wie das Sie verwendet werden sollte, sondern ob wir es überhaupt noch brauchen. Unser Ziel ist es, uns näher zu bringen. Zu vermeiden, dass durch Sprache ein „Ihr da oben“ und „Wir da unten“ entsteht. Und natürlich wollen wir uns und allen, die mit der komplexen Arithmetik des “Siezens” zu kämpfen haben, das Leben einfacher machen.

Um voran zu kommen, müssen wir zurück an den Anfang

Im Grunde genommen waren wir schon einmal an diesem Punkt. Bis zum 9. Jahrhundert wurde ausschließlich das Einzelpronomen Du als Anrede verwendet. Unter Zugzwang eignete sich die deutsche Sprache, nach französischem Vorbild, den „höfischen Druck zum Ihr“ an. Einige Jahrhunderte später wurde das Sie implementiert.

Wir befinden uns nun im 21. Jahrhundert und befolgen konventionelle Regeln, aus einer Zeit der öffentlichen Hinrichtungen, der Zweiklassengesellschaft und des nicht existenten Frauenwahlrechts. Ja, dieser Bogen war groß und überspitzt. Doch, wenn wir ehrlich sind, verschwenden wir die Zeit unserer Kinder nicht damit, ihnen den Unterschied zwischen Du und Sie beizubringen? Sollten wir ihnen nicht eher zeigen, dass man Respekt besonders dann zeigt, wenn man respektvoll handelt?

Und auch wir Großen sind am Rudern. Wir wissen selbst nicht mehr, wo hinten und vorne ist. Der Knigge gibt uns 16(?!) Regeln an die Hand, wie man die Untiefen des Siezens umschiffen kann. Dieses Regelwerk erinnert eher an den Reinigungsprozess einer Kaffeemaschine, als an eine Anleitung fürs “Höflichsein”.

Dazu kommt noch, dass die Anwendung dieser Regeln immer davon abhängt, welche Rolle man einnimmt und in welchem Umfeld man sich befindet. Habt ihr schon einmal jemanden auf Tinder, Twitter oder Kwick mit Sie angesprochen? Während ihr euch also noch fragt: Soll ich meinen Uniprofessor, der mir auf Insta folgt, mit Sie oder Du ansprechen? Fragen wir euch:

Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt bleibt… eben beim Sie und hat dann den Salat.

People lie. Numbers don’t.

Wir wissen, das hier ist ein Blog. Meinungen sind hier gefragt. Trotzdem wäre es vermessen von euch zu verlangen 600 Wörter darüber zu lesen, was wir bei einem Feierabendbier zusammen diskutiert haben. Zum Glück gibt es Studien mit Daten, Zahlen und Fakten, die unserer Meinung Gewicht verleihen.

1. Wie machen es die anderen Länder?

In Skandinavien ist das Duzen in der Firma üblich. Interessant dabei ist, dass dort auch eine höhere Arbeitszufriedenheit herrscht, laut der IWKoeln.

Die USA lebt die You-Kultur. Da erzählen wir euch nichts Neues. Aber beispielsweise auch für die Niederlande ist die Beziehung zwischen den Sprechenden nicht relevant für die Sprache. Hier wird sowohl privat als auch beruflich, ausschließlich das Du gewählt.

2. Siezen macht unglücklich

Die Redaktion von Business-Insider wagte den Selbstversuch und siezte sich eine Woche lang. Das Ergebnis war eindeutig: Die Anspannung stieg. Es entstand eine höhere Erwartungshaltung. Untereinander wurde eine Distanz aufgebaut. Die Beziehungen wurden kühler und unpersönlicher.

3. Duzen im Internet

Viele User empfinden das Siezen in Sozialen Netzwerken als unhöflich. Das Du ist hier Gang und Gebe. Dies scheint aber nicht nur die Regel für Privatpersonen zu sein. Auch von Unternehmen wird das Du in der Kundenkommunikation erwartet. Selbstredend ist dies trotzdem abhängig vom jeweiligen Kanal.

Ja gut, und jetzt?

Wir haben euch die Emotionen, den geschichtlichen Sprachexkurs und sogar die harten Fakten geliefert. Und trotzdem sitzt ihr vielleicht gerade vor eurem Smartphone und fragt euch: Gut und jetzt?

Wenn wir Glück haben, habt ihr unseren Punkt verstanden. Wenn wir noch mehr Glück haben, seid ihr sogar unserer Meinung. Zum Schluss möchten wir euch noch ein paar Gedanken mit auf den Weg geben, die ihr in die Tat umsetzen könnt:

1. Nehmt euch vor, eure wertvolle Lebensenergie nicht dafür zu verschwenden darüber nachzudenken, wie man etwas richtig tut, sondern was das Richtige ist.

2. Duzt euch: Sucht die Nähe zu eurer Nachbarin, zu eurem Vermieter oder dem Barista eures Lieblingscafés. Sicher freut sich dein Gegenüber genauso über weniger Distanz, wie du.

3. Werde Teil der Revolution und unterstütze uns bei unserer Petition. Auf change.org kannst du deine Stimme abgeben. Wir freuen uns jetzt schon auf eine neue sprachliche Zukunft mit Dir.

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